Fachkommission Lehr- und Lernmittel für den Unterricht Hörgeschädigter an Schulen für Hörgeschädigte und an allgemeinen Schulen

 

Das Leben von Anne Frank - Eine grafische Biografie

 

Mit einer Zeittafel der historischen Ereignisse

von Sid Jacobson und Ernie Colón

 

Eine Grafic Novel Ausgabe

Buch: 154 Seiten

Preis: 16,90 €

 

Verlag: Carlsen (Hamburg, 2010)

Sprache: Deutsch

ISBN-13: 978-3-551-79185-6

 

 

Als Graphic Novel wird in zehn Kapiteln die aus dem Tagebuch der Anne Frank bekannte Lebensgeschichte Anne Franks erzählt. Die Hälfte der Erzählung ist der Zeit vor dem Untertauchen der Familie gewidmet (erster Weltkrieg, das Leben in Deutschland, Emigration in die Niederlande). Etwa ein Drittel der Graphic Novel beschreibt das Leben der Hinterhausgemeinschaft, wie es in Annes Tagebuch geschildert wird. Im letzten Teil wird erzählt, wie die Hinterhausbewohner entdeckt werden und umkommen. Auch die Rezeptionsgeschichte von Annes Tagebuch und das Engagement Otto Franks, dem einzigen Überlebenden der Gruppe, werden beschrieben.


Parallel zu der Lebensgeschichte der Familie werden die historischen Ereignisse sowie die Entrechtung und Verfolgung der Juden dargestellt. Unter dem Stichwort "Schlaglicht" ergänzen die Autoren Kartenmaterial und geschichtliches Hintergrundwissen. Der Graphic Novel hält sich an historische Tatsachen und an das Tagebuch. Auch Annes Charakter und Entwicklung werden deutlich.


Für eine Verwendung dieses Buches im Unterricht für Hörgeschädigte sprechen der chronologische Aufbau, die ansprechende Darstellung (bunte Bilder, sorgfältig gezeichnete Figuren) und das sprachliche Vorbild in Dialogen und Erzählpassagen. Hervorzuheben ist, dass auch die Sprechblasen fast immer vollständige Sätze enthalten.  Die ausdrucksstarken, detailreichen Bilder unterstützen das Verstehen des Textes, regen zum Weiterlesen an, ohne ein zu flüchtiges Überfliegen zu fördern. Die Schüler gewinnen einen guten Überblick. Während die Lebensgeschichte der Familie gut nachzuvollziehen ist, sind die Beschreibungen der historischen Ereignisse sprachlich sehr anspruchsvoll und setzen ein gutes Textverständnis voraus. Das liegt einerseits an der für einen Comic zwingenden Kürze und andererseits an der Verwendung von Fachbegriffen und Redewendungen. Erschwerend ist außerdem, dass in der Lebensgeschichte immer wieder Personen nur kurz auftauchen und dann nicht wieder vorkommen. An manchen Stellen ist die Darstellung zu knapp, so dass man den Zusammenhang nur versteht, wenn man das Tagebuch kennt.

 

Insgesamt ist dieser Graphic Novel keineswegs leichter zu verstehen als das Tagebuch selbst. An vielen Stellen benötigen Schüler Unterstützung. Die Comic-Form kann mehr motivieren als die Briefform des Tagebuches, sollte aber durch die Lektüre einzelner Briefe ergänzt werden. Die Schüler sollten schon ein Grundwissen über den Nationalsozialismus haben. Bei entsprechender Unterstützung und Vernetzung mit geschichtlichen Inhalten und Vorwissen der Schüler ist das Buch durchaus für den Unterricht mit hörgeschädigten Schülern zu empfehlen, sofern keine Lernschwächen vorliegen und ein gutes Textverständis vorhanden ist.


Es wäre wünschenswert, wenn für den Gebrauch an der Schule nicht nur die teure gebundene, sondern auch preiswertere Ausgaben erhältlich wären.

Trier, im April 2012

Karl-Heinz Pferdekämper nach Vorarbeit von Dörte Hack

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