Fachkommission Lehr- und Lernmittel für den Unterricht Hörgeschädigter an Schulen für Hörgeschädigte und an allgemeinen Schulen

Titelbild

Freak City
Ganzschrift (Jugendbuch) von Kathrin Schrocke
ca. 200 Seiten

 

13,90 €

Die Stellungnahme wird ergänzt durch eine selbst hörgeschädigte Kollegin (siehe unten).

 

Freak Citiy, das 3. Werk von Kathrin Schrocke, ist ein Jugendroman. Die Autorin, 1975  geboren, schreibt auch Erzählungen und Theaterstücke sowie Kinderromane.

Das als Paperback herausgegebene Buch umfasst etwas mehr als 200 Seiten und ist in

24 Kapitel eingeteilt.

 

Das Buch spielt in der Ferienzeit von Mika, einem sympathischen, 15-jährigen Jungen, der zwischen zwei völlig verschiedenen Mädchen steht: Sandra, die sich aus heiterem Himmel gerade erst von ihm getrennt hat und Lea, die gehörlos ist. Sandra ist clever, erfolgreich und sexy, sie singt außerdem in zwei Bands. Von Lea ist er nicht nur wegen ihres Äußeren fasziniert, sondern auch wegen ihrer „Andersartigkeit", nämlich ihrer Hörschädigung. Die Probleme, mit ihr Kontakt aufzunehmen, sich mit ihr zu unterhalten und sie eventuell näher kennenzulernen, schrecken Mika nicht ab, sondern machen ihn neugierig und holen ihn aus seinem Frust nach der Trennung von Sandra heraus.

 

„Ich habe da so ein Mädchen getroffen", murmelte ich schließlich. „In einem Cafe. Sie ist seit Geburt gehörlos. Und in meinem Alter. Ich dachte, ich will sie mal kennenlernen. Wie sie lebt und so. Ihre ganze Situation.“(Buch, S. 155)  Er beschließt, einen Gebärdensprachkurs zu machen. 

 

Der Titel des Buches Freak City stammt von dem gleichnamigen Café, das in der Geschichte vorkommt. Es ist ein Dunkelcafé, in dem die Bedienungen blind sind und die Gäste somit in deren Welt eintauchen und mit ihr mehr oder weniger zurechtkommen.

Es ist eine Geschichte von Jugendlichen, die ganz alltägliche Probleme haben, mit sich und ihrem Leben fertig zu werden. Witzige Dialoge, umgangssprachliche Floskeln und „kleine Weisheiten" („Minderjährig, das klang wie minderwertig“, Buch S. 24) schildern den Umgangston der Jugendlichen untereinander. Mika und seine Beziehung zu Sandra beschreibt die Komplikationen einer „jugendlichen Beziehungskiste", seine Begegnung mit Lea, wie schwierig die ersten Schritte einer gelungenen oder eben nicht gelungenen Kommunikation mit einem hörgeschädigten Menschen sein können. Im Buch wird in vielfältiger Weise Leas Behinderung in ihrer hörenden Umgebung beschrieben: aus Leas Sicht beim Umgang mit hörenden Jugendlichen, mit ihrer hörgeschädigten Freundin Franzi, in der Familie, bei der Freizeitplanung, mit sich selbst oder bei Alltagsproblemen und aus Mikas Sicht, wenn er seinen Freunden, seinen Eltern oder seiner kleinen Schwester seine Erfahrungen mit Lea erklärt. Er lernt viel von Biene, die ihm Gebärdenunterricht gibt und von Tommek, der im Café arbeitet.

 

Mika erkennt, dass er ohne eigene Initiative, nämlich die Gebärdensprache zu lernen, seine Bekanntschaft mit Lea nicht ausbauen kann. Seine Hilflosigkeit wird recht originell beim Zusammentreffen mit dem kleinen Kevin geschildert, der häufig als Dolmetscher zwischen Hörgeschädigten und Hörenden fungiert und sich dafür bezahlen lässt. Doch Mika ist hin- und hergerissen zwischen seiner Neugier für Lea und ihre Behinderung und den Anstrengungen und Unsicherheiten, die diese Bekanntschaft für sein Leben mit sich bringt.

 

Er lernt schnell, was die Behinderung für Lea oder Franzi, ihre ebenfalls hörgeschädigte Freundin und auf der anderen Seite für die Hörenden, die mit ihnen zu tun haben, bedeutet.

Er lernt Leas Familie kennen, erlebt dort deren Probleme des Zusammenlebens, weil Lea als einzige in der Familie hörgeschädigt ist.

 

Die Geschichte spiegelt den Alltag wieder und ist trotzdem spannend. Interessant und ungewöhnlich wird sie durch die Gegenüberstellung der beiden Mädchen Sandra und Lea, die sich auf „gänzlich unterschiedlichen Planeten" (Buch, S.160) bewegen, wie es Mika auch auf sich bezogen beschreibt. In unterhaltsamem Ton entwickelt sich so eine Liebesgeschichte und nebenbei erfährt man eine Menge über Hörgeschädigte und ihre Welt: Umgang mit der Gebärdensprache und dem Fingeralphabet, die Notwendigkeit eines guten Absehbildes, die Existenz von Bildtelefonen, Weckern oder Türklingeln mit Licht- und Vibrationsunterstützung. Auch der Film „Gottes vergessene Kinder“ wird erwähnt, sowie eine Rap-Band aus Finnland, die zu ihren Songs gebärdet.

 

Die Autorin hat gut über diese Behinderung recherchiert und scheut sich auch nicht, zum Thema Gebärdeneinsatz Stellung zu beziehen.

Sie versteht es, die Spannung der Geschichte nicht unter den vielen „belehrenden" Einfügungen über das Hörgeschädigtenwesen leiden zu lassen. Das Gefühlsleben der Haupt-Personen wird ohne Schnörkel dargestellt und man ertappt sich dabei, dass man am Ende des Buches auf ein Happy-End wartet.

 

Das Buch ist für hörende Jugendliche ab 12 vorgeschlagen und dies erscheint für gute Leser als angemessen. Für hörgeschädigte Jugendliche ist dies zu früh. Ich habe eine 13-jährige hörgeschädigte Schülerin mit guten sprachlichen Voraussetzungen und großem Leseeifer gebeten, das Buch zu lesen.

Ihre Aussage lautet: Das Buch ist sehr interessant, aber es beinhaltet viele schwierige Wortinhalte und Redewendungen mit übertragenem Sinn. Bei regelmäßigen Gesprächen mit ihr über ihre Lesefortschritte konnte ich außerdem feststellen, dass sie viele Aussagen, die „zwischen den Zeilen“ zu finden sind, nicht erfasst hatte und auch manche witzige oder ironische Passage nicht verstanden hatte.

 

Für hörgeschädigte Jugendliche empfehle ich deshalb, das Lesealter ab 14 Jahren anzusetzen und das Buch „begleitend“ zu lesen. Es bieten sich während dieser Begleitphasen sehr viele Stellen im Roman an, die zu kontroversen Diskussionen anregen können. Das Buch eignet sich gut für Klassen, in denen einzelne Jugendliche mit Hörschädigung integrativ unterrichtet werden.

 

„Freak City“ ist jedoch nicht nur ein Buch für Jugendliche, sondern es kann auch Eltern helfen, die hörgeschädigte Kinder haben und es wird all den Erwachsenen gefallen, die sich für Behinderungen bzw. für Probleme Jugendlicher interessieren.

 

Berlin, im September 2010

Karin Mey, SOL

 

 

Im Anschluss folgt eine Bewertung von „Freak City“ durch meine hörgeschädigte Kollegin Heike Söhnel, die ich ebenfalls gebeten habe, sich mit dem Roman zu beschäftigen und ihn aus ihrer Sicht einzuschätzen.

 

Es freut mich sehr, dass sich das Jugendbuch „Freak City“ mit dem Thema Identität und Alltagsleben von gehörlosen Jugendlichen auseinandersetzt. Ich habe das Buch mit Vergnügen gelesen. Als gehörlose Hauptschullehrerin stelle ich zuallererst fest, dass das Buch ziemlich dick ist. Das lehne ich eher ab und ich zweifle daran, ob sich Lehrer/Innen (DGS/LBG) der Geschichte annehmen, weil sie Ausdauer und einen längeren Zeitraum verlangt. Zum Glück besteht die Möglichkeit, verteilt in vielen einzelnen Kapiteln (sehr erfreulich), darüber in DGS zu diskutieren bzw. zu reflektieren und sich einen gesamten Überblick zu verschaffen. Eine gute Motivation zum Weiterlesen! Ich lese allein (das hängt auch von der Deutschkompetenz ab).

 

Zurzeit hat an unserer Schule in München die Mehrzahl der Hauptschüler mit Migrationshintergrund einen geringen Deutschwortschatz. Deshalb denke ich, dass das Buch eher für gehörlose Realschüler mit gutem deutschen Wortschatz geeignet ist, die ggf. an einem Leseprojekt teilnehmen. Ich stelle außerdem fest, dass in der Geschichte viel Umgangssprache steckt und versteckte Hinweise bzw. Informationen zwischen den Zeilen enthalten sind, die oft für die Hauptschüler/Innen nicht zu erkennen sind. Der Satzaufbau mit langen Sätzen bzw. vielen Nebensätzen ist mit großen Verständnisschwierigkeiten verbunden. Alles müsste in DGS wiedergegeben werden.

 

Amüsiert habe ich gelesen, dass die gehörlosen Jugendlichen auch eigene Gehörlosen-Witze zu erzählen haben, so zeigt sich prima ein Teil der Gehörlosenkultur.

 

Heike Söhnel

München

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