Fachkommission Lehr- und Lernmittel für den Unterricht Hörgeschädigter an Schulen für Hörgeschädigte und an allgemeinen Schulen

Die Insel der sprechenden Hände

von Anja Krummeck


Erschienen: 2005

Titelbild des Buches

ISBN-10: 3-9810709-1-7
ISBN-13: 978-3-9810709-1-0
Einband: Hardcover
Umfang: 48 Seiten, 6 Zeichnungen, 21,5 x 15 cm

 

11,90 € zzgl. Versandkosten

 

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Karin Kestner

Hufgarten 4b

34302 Guxhagen

 

Verlag Karin Kestner

 

Die Geschichte von Marian ist die Geschichte eines gehörlosen Jungen, der in einem Dorf lebt und als einziger Gehörloser "immer wieder von anderen Kindern gehänselt" wird, "weil er nichts versteht" (siehe: www.kestner.de). Er ist auch in seiner Familie der einzige Gehörlose und muss erfahren, dass er trotz der Hilfe seines guten Freundes Paul und seiner verständnisvollen Mutter "zwar gelernt hatte, alltägliche Dinge in kurzen Worten zu erzählen, aber alles, was für ihn wichtig war konnte er mit seinem kleinen Wortschatz nicht ausdrücken." (aus "Die Insel der sprechenden Hände", S.5)


Das Buch, das für alle Kinder ab 8 Jahren geschrieben wurde, hat 6 Kapitel. Die sechs Kapitel erzählen den Weg Marians zur Insel der sprechenden Hände.

 

In Kapitel 1 (Die Sprache der Hände) werden seine genaueren Lebensumstände und seine Behinderung beschrieben sowie sein daraus resultierender emotionaler Zustand. Durch die Begegnung mit einer fremden Frau erfährt er von der Insel der sprechenden Hände, auf der alle Menschen die Sprache der Hände, die Gebärdensprache, sprechen. Er beschließt, sich allein dorthin auf den Weg zu machen, seine Familie und seine Freunde zu verlassen.

 
In Kapitel 2 (Der Wald der Stille) wandert er durch einen Wald und gelangt schließlich in ein Dorf, in dem sich die Menschen mit einer ihm fremden Form der Kommunikation verständigen: sie tänzeln. Dies macht ihm Angst, er läuft weg. Doch er begegnet Ramon, der selbst aus diesem Dorf stammt und mit ihm über diese ungewöhnliche Verständigungsart spricht, sie ihm zu erklären versucht. Der Wald der  Stille ist laut Ramons Erklärung ein Ort, an dem "alle Geräusche, noch bevor sie überhaupt von einem Ohr erfasst werden können, verschluckt" (Buch, S. 20) werden. Keiner kann an diesem Ort etwas hören und Marian interpretiert diesen Zustand, der alle seine Bewohner zu "Gehörlosen" macht so: "Sie sind in dem Wald ja praktisch auch alle gehörlos, wenn es dort nichts zu hören gibt" (Buch, S.24).


In Kapitel 3 (Der Hirte) findet Marian ein Nachtlager in einer verlassenen Hütte. Am nächsten Morgen wird er von einem alten Hirten und seinen Schafen geweckt. Der Alte erkennt an Marians Reaktion, dass er nicht hören kann und schreibt deshalb seine Fragen mit einem Kohlestück auf eine Mauer. Außerdem warnt er Marian vor den Gefahren auf seinem übernächsten Teilstück der Reise, der Küste der tosenden Wogen und vor deren unfreundlichen Bewohnern. Die feindselige Haltung dieser Küstenbewohner hat laut Aussage des Hirten schon viele andere Gehörlose, die wie Marian auf dem Weg zur Insel waren, dazu  bewogen umzukehren.


In Kapitel 4 (Das Tal des Echos) trifft  Marian einen alten Mann, der sich weigert zu sprechen und ihm zu verstehen gibt, selbst zu schweigen. Er erklärt das mit der Gefahr eines Steinschlags, der durch das Echo der Worte ausgelöst werden könnte. Auch hier, im Tal des Echos wird Marian vor der Unfreundlichkeit der  Küstenbewohner gewarnt. Sein Wut- oder Frustrationsschrei, den er am Talende trotz aller Warnung doch noch ausstößt, löst eine Steinlawine aus, die ihm jeden Weg zurück unmöglich macht.


In Kapitel 5 (Die Küste der tosenden Wogen) begegnet der Junge schließlich einigen der unfreundlichen Bewohnern. Sie geben ihm keinerlei Auskünfte darüber, wann er ein Schiff auf die Insel der sprechenden Hände nehmen könnte. Er wird damit konfrontiert, dass Gehörlose z.B.  als "Taube Nüsse" bezeichnet werden und er bekommt auch keine Erklärung für den Grund der feindseligen Haltung dieser Menschen. Sie scheinen es selbst nicht zu wissen. Marian ist verzweifelt und einsamer denn je, aber da trifft er Lea, die ein eigenes kleines Boot besitzt. Sie ist freundlich und sofort bereit, für ihn die Überfahrt zu machen.


In Kapitel 6 (Die Insel der sprechenden Hände) wird Marian in Leas Boot "Liberty" auf die Insel gebracht. Er sieht dort viele Menschen, die sich mit Gebärden unterhalten, dabei froh und zufrieden wirken und keine Verständigungsprobleme zu haben scheinen. Leas gehörloser Bruder Ben lebt ebenso auf der Insel. Die Geschichte Marians findet ein rasches, glückliches Ende. Er heiratet später eine Gehörlose, hat mit ihr ein gehörloses und ein hörendes Kind, bekommt von seinen Eltern und seinem Freund Paul Besuch auf der Insel ... und ist endlich da, wo er sich zuhause fühlt.

 


 

Anja Krummeck, die Autorin, ist seit dem Kindergartenalter beidseitig schwerhörig. Ihre Schwerhörigkeit wurde spät erkannt. Sie schrieb dieses Kinderbuch - neben vielen anderen Kindergeschichten- wohl auch vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrung mit der hörenden Welt.

 

Sie beschreibt die alltäglichen Konflikte des gehörlosen Marian an Hand vieler verschiedener Beispiele, wie z. B. die Probleme mit dem Absehen bei Gegenlicht oder bei dichtem Bartwuchs eines Gesprächspartners. Sie schildert die seelischen Nöte, die Marian empfindet, wenn er zwar den Tagesablauf ganz gut meistert, seine Unterhaltungen aber auf Grund der mangelnden Kommunikationsmittel immer an der Oberfläche bleiben. Es kommt gut zum Ausdruck, dass der Junge seinen Freund Paul schätzt, er aber lieber ohne dessen tatkräftigen Schutz vor dem Spott der anderen auskommen würde.

 


 

Ich habe dieses Kinderbuch mit einer geöffneten 3. Klasse (Sprachlerngruppe I, normalhörende und hörgeschädigte Kinder) als Klassenlektüre gelesen. Die 6 Kapitel wurden schrittweise erlesen und anschließend intensiv besprochen.

Durch die täglichen Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler in ihrer eigenen Schule (es gibt an unserer Schule Klassen mit den Sprachlerngruppen I, III und IV) waren die meisten Schülerinnen und Schüler am Thema interessiert und besonders sensibilisiert, ebenso wie die Eltern. Auch die Zusammensetzung der Klasse (zwei schwerhörige Mädchen gehörten dazu) sprach für eine nähere Betrachtung des Buches. Alles in allem waren die Voraussetzungen also gut.

 

Als Begleitmaterial erstellte ich für Klasse:

      • Arbeitsblatt 1, das im Laufe des Lesens ein "Portrait" von Marian werden sollte. Die Informationen, die für ihn bezeichnend erschienen, wurden darauf fest gehalten. So entstand schrittweise ein Eindruck von Marian und seiner Situation.
      • Im Arbeitsblatt 2 wurden aus jedem Kapitel des Buches die wichtigen Sätze herausgefiltert, um die für die Geschichte bedeutenden Aussagen festzuhalten.
      • Zur Aufarbeitung und Erweiterung des Wortschatzes kam Arbeitsblatt 3 zum Einsatz, auf dem jeweils entweder unbekannte oder aussagekräftige und deshalb "merkwürdige" Wortinhalte notiert wurden.
      • An der Seitentafel wurden während der gesamten Lesephase die verschiedenen Formen der Kommunikation festgehalten, die im Buch geschildert wurden und die uns selbst einfielen.

Die Arbeit mit dem Buch machte der Klasse Spaß. Im Laufe der Zeit entdeckte man in Marians Geschichte parallele Situationen aus dem Schulalltag. Dies führte z.T. zu Betroffenheit, zu angeregten Diskussionen, zu Kritik am Verhalten anderer und zu Selbstkritik und zu guten Vorsätzen für zukünftiges Verhalten.

 

Zusammenfassung:

 

Die Aufmachung des Buches wurde von den Schülern und Schülerinnen zu Recht bemängelt. Die Skizzen zu Beginn eines jeden Kapitels sind wenig kindgerecht, kaum aussagekräftig, ja langweilig. Eine Inhaltsangabe mit der Seitenzahl der betreffenden Kapitel wäre für das Lesen hilfreich. Der Preis von 11.90 € ist nicht gerade gering. Die Geschichte selbst ist recht interessant erzählt und baut auf die Freude der Kinder an phantastischen, mitunter rätselhaften Geschehnissen. Kinder mit wenig Phantasie und geringerer Leseerfahrung haben jedoch Probleme, die Intentionen, die hinter den Bildern, Figuren und z.T. ungewöhnlichen Situationen stehen zu begreifen und umzusetzen.


Der Autorin gelingt es darzustellen, dass Marian trotz eines intakten Familienlebens und eines guten Freundes ein einsames und unerfülltes Leben führt. Sie schildert eindrucksvoll die mutige Suche des Jungen nach einem Kommunikationsmittel und damit nach einer lebenswerten Umgebung, das seinen sozialen und intellektuellen Bedürfnissen gerecht wird.

 

Mit ihrem Buch liefert Anja Krummeck einen wichtigen Beitrag zum Thema: Hörgeschädigte in der Gesellschaft und ihre gesellschaftliche Teilhabe. Die Reise Marians zu seiner rettenden Insel ist, wie oben erwähnt, mit ihrer Symbolik nicht leicht für jeden kleinen Leser zu erschließen.

 

Ich bin deshalb der Meinung, dass dieses Buch nicht dafür geeignet ist, es Kindern als Lektüre einfach in die Hand zu geben und sie mit diesem Buch allein zu lassen. Die Geschichte Marians erfordert eine Einstimmung in die Problematik und viele Erklärungen, zumal der verwendete Wortschatz (vor allem für junge hörgeschädigte Leserinnen und Leser) mitunter recht anspruchsvoll ist.

 

München, im März 2007

Karin Mey, SOL

 

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